Mai 222011
 

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Die Geschichte eines alten, verlassenen Sofas,
welches tropfnaß im Regen stand
und Mary Tudor werden wollte

Manchmal passiert etwas seltsames. Etwas, das man nicht erwartet hat. So was wie, naja, ein Sofa, daß ein Kleid wird, ihr wisst schon. Etwas, das man eben nicht erwartet.

Das ist die Geschichte, mit der dieses Kleid anfing, und es macht dieses Kleid wirklich besonders.

Es wird – hoffendlich! – auch die Meinung einiger Leute über mich ändern, die meinen, daß ich ein verwöhntes Stück mit zu vielen teuren Stoffen im Schrank bin. Wenn ihr diese Seite bis zum Ende gelesen habt, dann werdet ihr wissen, daß ich fast alles tun würde, um ein Stück Stoff vor dem Müll zu retten, wenn ich es nur schön genug finde.

Als ich eines Abends die Straße herunterging, um meinen Sohn vom Kindergarten abzuholen, da stand da ein altes Sofa an der Straße, welches darauf wartete, vom Sperrmüllwagen am nächsten Morgen eingesammelt zu werden.

Normalerweise hätte ich das Sofa keines Blickes gewürdigt – es war alt und hatte offensichtlich in einem Haushalt gestanden, in dem ein paar freche Katzen wohnen (Kratzer überall auf den Seiten), und zudem regnete es, also war es tropfnaß.

Da *war* allerdings eine Sache, die mich dann doch dazu brachte, hinzusehen, und das waren die Kissen – große Sitz- und Rückenkissen auf dem Sofa. Ich glaube aber trotzdem, daß niemand außer mir die Kissen genauer angesehen hätte – und zwar nicht nur, weil sie alt und naß waren.

Sie waren aus einem unglaublich gemusterten, braun / beige / orangenem Schnittsamt gemacht – Farben, die heute so aus der Mode sind, daß noch nicht einmal meine Oma sie noch kaufen würde.

Ich setzte meinen Weg zum Kindergarten fort und dachte über das Sofa nach. Auf dem Rückweg stand das Sofa immer noch da. Ich sah noch einmal hin und strich über den Samt der Kissen.

Und dann ging ich nach hause.

Zu hause machte ich das Abendessen. Ich hatte die Illusion, oder vielleicht war es auch eine Halluzination, daß das Sofa auf irgendeine Weise mit mir sprach. Tatsächlich sprach es nicht nur mit mir, sondern brüllte mich förmlich an.
„RETTE MICH!“, schrie es. „Am Morgen holen sie mich, bitte lass mich nicht sterben! Ich will nützlich sein! Ich bin nicht alt! Ich bin nicht nutzlos! Hilf mir!“

Ihr mögt ja nun denken, daß ich komplett durchgeknallt bin. Damit habt ihr vermutlich sogar recht. Aber ich schwöre, daß ich den ganzen Abend die Stimme des Sofas in meinem Kopf hatte.

Später saßen ich und mein Sohn dann vor dem Fernseher, um Stargate zu sehen (die deutschen Leser werden nun wissen, daß es ein Mittwochabend war – ja, das war es; der 19. Oktober 2005, um genau zu sein), und mitten in der Folge, als mir endgültig klar war, daß ich mir niemals selbst vergeben könnte, wenn ich es nicht tun würde, fragte ich meinen Sohn, ob er noch einen kleinen Spaziergang unternehmen wollte.

Ich ging also tatsächlich mit meinem Sohn zu dem Sofa zurück, in meiner Jackentasche einen großen, blauen Müllsack und ein Teppichmesser. Ich schnitt alle Kissen auf, stopfte den tropfnassen Samt in die Mülltüte und trabte mit meinem Sohn wieder heim.
Hierbei ignorierte ich sämtliche Leute, die mich anstarrten, als ich die Kissen aufschnitt, und auch die Blicke, die ich dafür bekam, daß ich abends mit einem schweren blauen Müllsack über der Schulter und einem noch nicht mal sechs Jahre alten Jungen an der Hand die Straße entlang lief. Wir waren beide tropfnaß vom Regen, mein Sohn sprang von Pfütze zu Pfütze und sang ‚Happy Birthday‘, was sein Lieblingslied ist, während ich wie eine Irre grinste angesichts des wertvollen Schatzes in meiner Plastik-Mülltüte.
Ich glaube, daß ich diesen Weg nach Hause niemals vergessen werde..

Dort angekommen, wanderten die aufgeschnittenen Kissen direkt in die Waschmaschine, und mein Sohn direkt in eine heiße Badewanne und dann ins Bett.

Ich wiederum konnte gar nicht schlafen. Ich konnten nämlich immer noch nicht aufhören, an das Sofa zu denken – beziehungsweise dessen Kissen, die nun in meiner Waschmaschine sicher waren. Sie redeten irgendwie immer noch mit mir, nur schrieen sie mich nun nicht mehr an, sondern flüsterten beruhigend „Danke… Danke… Wir sind sauber.. Wir haben einen Zweck.. Wir werden etwas schönes werden…“ (obwohl das natürlich auch das Geräusch der Waschmaschine sein konnte).
Ich dachte nur, verdammt, der Stoff ist so schön und ich habe nur so wenig davon; denn wenn man es genau betrachtet, sind vier Kissen nicht besonders viel, und zwar ganz besonders dann nicht, wenn sie mit einem großen Muster gewebt sind und das Zusammenstückeln deswegen schwierig sein dürfte.

Sobald mein Sohn eingeschlafen war, ging ich wieder zu meinem Computer und sah meine Bilder in der Hoffnung durch, dort eine Inspiration zu finden.

Und das tat ich dann auch. Das hier:


Mary Tudor

Mary Tudor. Der Stoff war *SO* „sie“, ganz besonders auf diesem Bild – allerdings ähnelt er in diesem Bild eher ihrem *Kleid*. Für so was hatte ich allerdings noch nicht mal annähernd genug Stoff…

Dann erinnerte ich mich an meinen Plan, Mary Tudor’s braunes Kleid zu machen, und auch das ‚Siena Sieve‘-Kleid von Königin Elizabeth. Damals schrieb ich auf der Planungsseite:

Elizabeth’s „Sieve“ Kleid
und
Mary Tudor’s braunes Kleid

Es gibt da etwas, das diese beiden Bilder gemein haben (neben zwei englischen Königinnen): Die Brosche!
Seht meine Studie für den Anhänger / die Brosche
hiere.
Ich mag das Schmuckstück sehr gerne, und die beiden Kleider sind nicht allzu anspruchsvoll – also mache ich beide, zusammen mit diesem Schmuckstück 😉
Für Mary’s Ärmel und Unterrock – auf dem zu meiner Überraschung eine Naht eingezeichnet ist, also ist es tatsächlich ein Rock und kein Forepart (siehe untere rechte Ecke des Bildes) – könnte ich etwas von diesem Stoff färben:

 

und zwar etwas dunkler – das ist übrigens der Stoff, den ich für mein Elizabeth Krönungskleid benutzt habe, aber ich habe noch genug Stoff übrig, um mindestens noch einen Forepart und die Ärmel davon zu machen.

Und auf einmal war mir klar, daß ich den ‚Krönungskleid‘-Stoff gar nicht dafür benutzen muß, um Mary’s Forepart und Ärmel zu machen – ich bräuchte nur den Stoff der Kissen dazu!
Meinen ersten Plan bezüglich des braunen Kleides müsste ich also zu – naja – dem braunen Kleid mit den Ärmeln und Forepart aus dem Stoff des, ähm, anderen braunen Kleides zu machen. Deswegen, weil ich von dem anderen Kleid die geknöpften Ärmel viel lieber mag, und natürlich weil *ich* denke (und das braucht ja niemand anders denken!), daß der Kissenstoff besser zu dem ‚ersten‘ braunen Kleid passt.

Am nächsten Tag waren die Kissen fertig gewaschen und trocken, und noch schöner als tropfnass im Regen. Ich fing damit an, meinen großen Küchentisch beiseite zu schieben, schnitt alle Seiten der Kissen auf und legte sie auf dem Küchenboden aus, um zu sehen, wie ich das Stoffmuster arrangieren könnte.

Das war nicht leicht, und ich mußte recht viel von dem Stoff wegschneiden, so daß mir nur genug übrig blieb, damit ich eben damit arbeiten konnte. Ich habe es aber geschafft, das Originalmuster des Samtes wieder zusammenzusetzen, um genug für einen Forepart und breite, geknöpfte Ärmel zu haben. Ich hatte einige größere Reste, was schade ist; aber es WAR genau ausreichend (auch, wenn der Forepart etwas schmaler geworden ist als üblich).

Wild durchsuchte ich meine Stoffe auf der Suche nach irgendwas, womit ich die Ärmel füttern könnte: Einen *sehr* blassrosanen rosa Satin – so blassrosa, daß man denken könnte, er wäre eigentlich weiß und wäre mal mit einer hellroten Socke zusammengewaschen worden; ein kaum sichtbares Rosa im Satin. Ich dachte, daß das genau passen würde, und fütterte Ärmel und Forepart mit diesem Satin.

Als ich damit fertig war, ging mir auf, daß ich wohl Bilder hätte machen sollen – vom Sofa im Regen, dem Stoff der Kissen vor und nach der Wäsche, nach dem Zusammenstückeln und nach dem Zuschneiden.
Es tur mir leid (ehrlich!), aber davon habe ich gar keine Bilder gemacht, weil ich so damit beschäftigt war, die Stimme des Sofas in meinem Kopf zu hören, daß ich ans Fotografieren keinen Gedanken verschwendete.

Also – hier sind die Bilder der zusammengenähten Ärmel und des Foreparts (Ärmel noch ohne Knöpfe):

Ärmel; Innen- und Außenseite.
Das Futter sieht *sehr weiß aus, aber wie ich schon schrieb – es ist sehr blaßrosa. Das ist bisher das einzige Bild, auf dem der Samt seinen unglaublichen Schimmer zeigt.
Forepart (fertig)
Das stabilisierende Futter fehlt hier noch, also verzieht sich das Stoffmuster ein wenig, wodurch es so aussieht, als wäre es nicht gerade, was es aber ist..
Forepart-Stückelung –  Samtseite – Nahaufnahme Forepart-Stückelung –  Rüclseite – Nahaufnahme
Nur, um zu sehen, ob das Farbschema passt – Jopp, tut es definitiv!

Ja, ich wünschte auch, daß ich genug Stoff gehabt hätte, um den orangenen Streifen über die Mitte des Foreparts laufen zu lassen; aber ich hatte gerade genug, um dieses Stück zusammenzusetzen – es besteht aus sechs halben Kissen; was bedeutet, daß drei meiner wertvollen Kissen schon für den Forepart draufgingen.
Die oberen, weggeschnittenen Ecken dieses ‚Dreieckes‘ wurden die inneren Ärmel; und die letzten zwei Kissen wurden die äußeren Ärmel. Ich habe nur ein paar kleine Reste übrig, aus denen ich vielleicht eine kleine Tasche zusammenstückeln kann, oder als Bezug für einen Kopfschmuck verwenden kann, aber das war es dann auch schon.

Das war’s für den Moment und dieses Kleid. Ich habe momentan keine Idee, wann ich den Rest fertig machen werde, da ich keinen braunen Samt habe (und auch nichts, womit ich den ersetzen könnte), also würde ich an eurer Stelle nicht gerade mit angehaltenem Atem auf ein Update warten.. aber ich bin immer noch total verliebt in das, was ich bisher erreicht habe, und glücklich, daß ich den schönen Stoff vor dem Müll gerettet habe.

Und natürlich fände ich es total witzig, zu erfahren, was die ehemaligen Besitzer des Sofas denken würden, wenn sie wüßten, was aus seinen Kissen geworden ist… 😉

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