Mai 202011
 

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Der bestickte Mantel aus Sleepy Hollow ist eigentlich ganz einfach konstruiert, wenn man nur etwas historische Recherche betreibt, weiß, wie sich Stoffe drapieren und es einem nichts ausmacht, massive Stoffmengen zu hantieren.
Die Stickereien auf dem Originalmantel sind sehr schön und wahrscheinlich maschinell gemacht, und wenn man eine Stickmaschine besitzt und halbwegs weiß, wie man die dazugehörige Software richtig bedient, sind sie auch nicht schwer zu machen, und die Herstellung der gestickten Rosen nimmt bei einem bereits fertiggestellten Stickmuster dann nicht mehr als 10-12 Stunden in Anspruch.
Tatsächlich habe ich einen solchen bestickten Mantel schon mal für eine Kundin gemacht (allerdings in Seidensamt und auf Kundenwunsch in anderen Stickereifarben als das Original), hier sind ein paar Bilder:

Wenn man aber keine Stickmaschine und auch weder Zeit noch Geduld hat die Rosen mit der Hand zu sticken oder aber sich eine Anfertigung der Stickrosen nicht leisten kann, dann kann man auch aufbügelbare, fertige Rosen verwenden, die man in einigen Geschäften und natürlich auch auf Ebay finden kann. Solche aufbügelbaren Rsen habe ich für diesen Mantel hier verwendet, da meine Freundin Katrin, für die ich den Mantel gemacht habe, nur einen begrenzten Betrag zur Verfügung hatte.

Der Originalmantel war wohl aus einer Art kurzflorigem Fell gemacht.
Ich habe hier aber einen schweren, cremefarbenen Samt verwendet, den ich eigentlich silbergrau färben wollte, aber irgendwie scheint mit meiner Färbung was schief gelaufen zu sein – er ist jetzt hell – blau – grau, in einigen Bereichen blau schimmernd. Der interessante Effekt ist der, daß der Mantel bei Kunstlicht grau aussieht, bei Tageslicht aber puderblau ist.

Lasst uns doch mal ein paar Aspekte des Originalmantels betrachten:

Die Mantelform

Den Originalmantel *könnte* man leicht für einen Halbkreismantel halten (oder etwas, das noch weniger Stoff brauchen würde!) – er scheint nämlich nicht besonders weit zu sein, wenn er getragen wird.

Allerdings, wenn man sich mal ansieht, wie er sich drapiert, wenn er auf einem Pferd sitzend getragen wird…


Beachtet, daß der Mantel an seiner vorderen Öffnung immer noch mehrere Falten wirft.

…dann sollte es eigentlich klar sein, daß dies hier definitiv ein Vollkreismantel ist, was bedeutet, daß er *massive* Mengen an Stoff schlucken wird.
Nur für die Statistik: Ich habe 8 Meter Samt und 10 Meter Futter verbraucht (da das Futter schmaler als der Samt war), um den Mantel zu machen, also im Endeffekt 18 Meter Stoff für den Mantel verbraucht. Der fertige Mantel wiegt 8 Kilogramm.
Hier ist mein Mantel a) nur auf der Schneiderpuppe und b) zusätzlich über einen etwa hüfthohen Tisch drapiert:

Da mir ein Pferd fehlt, um das Bild von oben nachzustellen, ist hier eine kleine Montage mit einem Pferdebild (König Théoden aus ‚Herr der Ringe‘ möge mir verzeihen!), Seite an Seite mit dem Originalbild von Katrina van Tassel / Christina Ricci in Sleepy Hollow:


Vergleicht mal die Faltendrapierung an der vorderen Öffnung und auch nach hinten weglaufend in beiden Bildern – ja, der Originalmantel war definitiv ein Vollkreismantel!

Da ist etwas am Originalmantel, was nicht historisch erscheint (aber die Tatsache, daß *ich* keinen Beweis für die historische Existenz gefunden habe, heißt ja nicht, daß es so was gar nie nicht gab…):

Na gut, schaut mal hier auf die Rückseite. Stellt Euch vor, das der Stoff am Rücken quasi als gerader Streifen herunterläuft, was ja auch der Fall zu sein scheint. Und jetzt laßt den Blick zur Schulter rechts im Bild schweifen. Da scheint eine Naht abwärts zu verlaufen, und der Stoff, der von der Schulter aus abwärts läuft, scheint an dieser Naht leicht gerafft zu sein.
Diesen Effekt kann man auch hier sehen:

nur nicht ganz so deutlich wie oben. Im letzten Bild sieht man auch (bzw. kann man erahnen…), daß die hintere Taille des Mantels irgendwie von innen wohl an der Taille der Trägerin befestigt zu sein scheint. da er dort irgendwie ’nach innen gezogen‘ wirkt. Ich glaube, daß dort auf der Innenseite des Mantels ein Band verläuft, welches der Trägerin um die Taille gebunden wurde. Das ist aber offensichtlich nicht nötig, um den Mantel ’nur‘ zu tragen, denn in anderen Szenen ist der Mantel ganz offensichtlich nicht mit der Taille verbunden, da er nach hinten ausfächert:

Ich habe mich entschieden, ’nur‘ einen normalen Vollkreismantel zu machen, komplett gefüttert, mit der historisch korrekten Kapuzenraffung am Ausschnitt und mit dem Zugband parallel zur Öffnung der Kapuze.

Die Form der Kapuze

Da ist etwas an der Kapuze – gut zu sehen in den Bildern vom Propstore of London – was entfernt an einen (schneiderischen!) Sattel erinnert:


Seht ihr diese ‚Raffungslinie‘ im Futter der Kapuze?

Das sieht fast wie ein geraffter Sattel aus, aber wenn man genau hinsieht, dann ist die Fältelung auf beiden Seiten der doppelten Naht zu sehen ist.
Was ist das also für eine komische Naht?
Tatsächlich scheint es etwas ziemlich historisches zu sein: Es ist ein Tunnel fpr ein Zugband, der dafür benutzt wurde, die Kapuze eng am Kopf liegen zu lassen. Jean Hunnisett zeigt in „Period Costume for Stage and Screen – Patterns for outer garments, Book I“ einige dieser ‚Zugbandkapuzen‘; sie werden aber auch in anderen Büchern erwähnt.
Jean Hunnisett zeigt da einige Fotos, aber vor allem diese wunderbare Illustration eines erhaltenen Kleidungsstückes:


Zeichnung eines scharlachroten Hochzeitsmantels aus der Gallery of Costume, Manchester, welcher auf ca. 1800 datiert ist; Zeichnung von Jean Hunnisett.

welches den Tunnelzug so zeigt, wie er aussehen würde, wenn er voll zugezogen wäre. Jean Hunnisett schreibt:
„(…) Das Zugband um die Vorderseite der Kapuze konnte angezogen werden, damit die Kapuze eng um das Gesicht herum sitzt.“
Beim Filmmantel ist dieses Band aber offenbar nur sehr leicht angezogen, so daß sich diese leichten ‚Raffungsfältchen‘ um den Tunnel herum ergeben. Es *könnte* auch eine Art Verstärkungsnaht für den Sattel an der äußeren Fellseite der Kapuze sein.
Die Außenseite dieser Kapuze ist nämlich unten in einen Sattel eingesetzt – das kan man hier ganz gut sehen:


Das sieht ganz anders aus als der oben gezeigte Zugbandtunnel, der auf der Innenseite der Kapuze zu sehen ist, richtig? Beachtet, daß der Faltenwurf des Stoffes nur nach ‚oben‘, also zur Vorderseite der Kapuze hin verläuft. Vergleicht das mit dem zweiten Bild, wo das Futter anscheinend gar keinen Faltenwurf hat.

Ich kenne keine historische Referenz für so etwas und nehme an, daß dies von den Kostümmachern des Filmes deshalb gemacht wurde, weil das Fell zu dick gewesen wäre, um es in den Halsausschnitt einzukräuseln, ohne nachher einen gigantisch dicken Saum rund um den Hals zu haben.
Da mein Samt aber nicht so dick ist, entschied ich mich für die geraffte, historische Version der Kapuze, die auch oben in Jean Hunnisett’s Illustration zu sehen ist.

Also nur für die Aufzeichnungen – das korrekte Aussehen des Filmmantels dürfte etwa so ausgesehen haben:

Das wäre die Rückseite, die den eingekräuselten Stoff entlang der Schultern zeigt sowie die auf einem Sattel montierte Kapuze.

Die Stickereien


Stickereien auf dem Originalmantel

Wie ich zuvor schon erwähnte, habe ich für diese Version des Mantels aufbügelbare Rosen verwendet. Hier sind einige Nahaufnahmen von ihnen auf Aufschlägen und Kapuze:

Die Schließen

Der Mantel kann auf zwei verschiedene Arten geschlossen werden:

Erstens mit einer dekorativen Schließe, um ihn eng am Hals zu schließen…

…und zweitens mit Hilfe von zwei Bändern, die in die Halsnaht eingesetzt sind, so, wie es auch beim Originalmantel der Fall war:


Links: Originalmantel; rechts: meine Version

Ich habe mich lediglich dazu entschieden, die Bänder etwas dicker als im Original zu machen, um meine liebe Katrin vor dem Schicksal der Strangulierung zu bewahren 😉
Die Bänder sind übrigens Baumwolltwillbänder, welche mit dem bestickten Satinstoff umnäht wurden – der Satin allein wäre nicht stabil genug als Band gewesen, und das Twillband hätte hässlich ausgesehen.

Und hier sind noch ein paar Bilder vom Mantel und der passenden Tasche, die ich gemacht habe (erstes Bild).
Und auch wenn das nicht mein Mantel ist, so konnte ich doch nicht widerstehen, ihn einmal anzuziehen und zwei Bilder damit zu machen – herzlichen Glückwunsch, Katrin, das wäre auch meine Farbwahl gewesen (aber das sagte ich schon, nicht? 😉 )


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