Mai 202011
 

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Shakespeare in Love

Es gibt ausgesprochen wenige Filme, von denen ich am liebsten jedes Kostüm einmal gemacht haben möchte. Shakespeare in Love ist einer von ihnen.

Alle Kostüme sind größtenteils historisch – *größtenteils*, weil sie eine gewaltige Mischung aus über 50 Jahren Elizabethanischer Kleidung darstellen. Das ist recht witzig, da der Zeitraum, in welchem der Film spielt, nicht länger als zwei oder drei Monate ist.
Es ist auch witzig, jemanden (Oberklasse, man beachte dies; sie sollte also bei Hofe etwas tragen, was grade chic und angesagt ist!) zu sehen, der Kleidung von ca. 1560-70 trägt und die Königin – im selben Raum anwesend – trägt Kleidung, die ganz klar *nach* 1590 datiert (das ist ganz am Anfang des Filmes gut erkennbar mit Viola’s blauem ‚Kömödienkleid‘ und dem Kömödienkleid der Königin). Und ich werde nch nicht mal ansatzweise kommentieren, wie verwunderlich ich zudem die ‚Ortsvermischung‘ im Film finde – seht Euch mal das erste Bild unten an; da sitzen zwei Damen, gekleidet nach spanischer Hofmode, vor Viola – und eine von denen ist blond…!

Wie auch immer. Die Kostüme sind sehr schön (auch wenn, wie gesagt, nur wenige vollkommen historisch korrekt sind), und darum mag ich diesen Film ganz gerne.

Hier sind die Screenshots der Kostüme von der DVD und den Specials, nach Kostümen sortiert, allerdings nicht notwendigerweise in der Reihenfolge, in welcher sie im Film auftauchen. Ich habe auch kurze historische Kommentare zu den Kostümen geschrieben.

Blaues Komödienkleid:

Wegen der engen Ärmel, der relativ kleinen Halsrüsche, den Schulterflügeln, eng anliegendem Partlet und der Tatsache, daß dieses Kleid mit der spanischen Farthingale getragen wird, würde ich das Kleid auf etwa 1560-70 datieren.
Die Stecker – ähnliche Dekoration des vorderen Oberteiles ist nicht komplett historisch für Elizabethanisch sondern orientiert sich eher an der folgenden Epoche des Rokoko.

Pfauenfedernkleid:

Der hochstehende Kragen, große, hängende Ärmel; gebauschte Unterärmel und sehr grades Oberteil datieren dieses Kleid auf etwa 1590-1600 (die Queen wäre dann zwischen 57 und 67 gewesen).
Allerdings hat die kleine Halsrüsche in der Zeit nichts mehr zu suchen. Außerdem wäre zu der Zeit eigentlich die trommenförmige französische Farthingale getragen worden, und man muß sich wundern, warum Elizabeth die alte, A-förnige trägt.
Es gäbe auch die Möglichkeit, das Kleid auf etwa 1585-90 zu datieren, zur Zeit des „Armada“ Portraits:

aber zu der Zeit war die große Halsrüsche noch nicht vorne geteile (bzw, hatte sich in einen stehenden Kragen verwandelt), also kommt auch diese Datierung nicht richtig hin.
Das Material und die Dekoration dieses Kleides sind einfach unglaublich und sollten eigentlich um 1575 herum zu datieren sein, als die Dekorationswut der englischen Elizabethaner ihren Höhepunkt hatte.

Orangenes Ballkleid:

Wegen der gepufften Oberärmelchen, den engen Unterärmeln und der A-förmigen Farthingale würde ich dieses Kleid auf 1570-75 datieren. Die Dekoration scheint mir recht zeitgemäß zu sein; dies ist also ein recht angenehm historisches Kleid.

Das ‚Theaterkleid‘ der Königin:

Dasselbe Problem wie mit dem Pfauenkleid:
Wegen der hängenden Ober- und gepufften Unterärmel, stehendem Kragen und geradem Oberteil würde ich das Kleid auf 1590-1600 schätzen (da wäre die Queen zwischen 57 und 67 gewesen).
Dieses Mal trägt sie auch keine kleine Halsrüsche, aber mal wieder haben wir das Problem der aus der Mode gekommenen A-förmigen Farthingale.
Das Muster auf den Ärmeln ist übrigens abslut historisch. Etwas ähnliches ist in diesem Portrait von Königin Elizabeth I. zu sehen:

welches zwischen 1595-1600 datiert.

Viola’s männliche Verkleidung:

Viola’s Hochzeitskleid:

Vom hohen Kragen des Doublets (der im übrigen ein wenig *zu* hoch dafür ist, daß er nicht spanisch ist…), die moderaten Unterärmel und die nicht ganz bodenlangen Überärmel als auch der spanischen, A-förmigen Farthingale ausgehend, würde ich das Kleid auf ca. 1585 datieren. Was mir allerdings fehlt, ist jegliche Art von Halsrüsche – *oder* ich müßte annehmen, daß es sich hier um ein Kleid nach italienischer Mode von ca. 1550-60 handelt…

Viola’s Nachthemden, Unterwäsche und Morgenroben:

Keine Einwände; das Hemd, die Farthingale und die Stays sehen meines Ermessens nach recht gut aus (auch, wenn mir keine ‚überlebenden‘ Stays aus der Zeit mit Vorderstickerei bekannt sind…).

Viola’s Reitkleid (mit und ohne den grünen Mantel):

Oberteil:
Kleine Schulterrollen – enge Ärmel – kleines Partlet – etwa 1570-75.
Grüner Mantel:
Doublet nach italienischer Art von 1550-60 (mit offenem, stehendem Kragen), moderat geplusterte Ärmel und A-förmiger Rock / der Rest des Kleides gehört also nach England, ca. 1575.

Viola’s rotes Gebetskleid:

Oberteil und Rock, die offensichtlich mit Weiberspeck getragen werden, sind so perfekt, daß ich denke, daß dies das historischste Kostüm des Filmes ist – mit zwei Ausnahmen; aber erst die guten Sachen:
– Der Ausschnitt des ‚Hemdes‘ (was meiner Meinung nach das ist, was da im Ausschnitt des roten Oberteiles zu sehen ist) ist mit wunderschöner polychromer Stickerei verziert, genau wie das Oberteil selbst auch. Was mir nicht aufgeht, ist, wieso dieses Hemd offensichtlich vorne geteilt ist; zumindest sieht es im Film so aus.
Oberteil, Tabbing, die Form des Rockes – Perfekt für ca. 1560.
Und jetzt die nicht so guten Sachen:
Auch, wenn er im Film nur sehr kurz zu sehen ist, so scheint der Rock doch bedruckt zu sein – cremefarbener Grund mit rotem Muster. Bedruckte Stoffe gab es in der Form allerdings zu der Zeit noch nicht.
Also muss ich annehmen, daß es sich hierbei um Rotstickerei handeln soll – das ‚rote‘ Pendant zu Schwarzstickerei und Weißstickerei, also mit roten Fäden gestickt. Allerdings glaube ich, daß Rotstickerei aufgrund der Stabilität, welche die Stickfäden zum Stoff hinzufügen, sich anders ‚bewegen‘ würde, als es dieser Rock tut.
Und… die Ärmel-‚Köpfe‘ (Oberteil der Ärmel), die aus geschnittenen Streifen bestehen.
Mir ist klar, daß so etwas durchaus in Portraits existierte, wie diesen hier:

aber wie ihr wahrscheinlich sehen könnt, enden die geschnittenen Streifen weit oberhalb des Ellbogens, und ich glaube nicht, daß ich schon mal ein Portrait mit einem vollständig aus Streifen bestehenden, aber oben breiteren Ärmel gesehen habe.

Königin Elizabeth’s ‚Komödienkleid‘:

*SO* schön – und ein perfektes Beispiel spätelizabethanischer Kleidung (naja, fast!).
Die Rad- oder trommelförmige Farthingale mit dem angepinnten Rock, die hängenden Ärmel und der stehende Kragen lassen sich auf ca. 1590-95 datieren.
Allerdings… und hier ist die Sache, die ich bemeckern muss… dasselbe wie beim ‚Pfauen‘-Kleid: Die Halskrause passt nicht. Also: Gar nicht.
Aber die Billiment-Dekorationen (Perlenstickereien) sind einfach wunderschön. Es scheint mir, als solle dieses Kleid eine Mischung aus den folgenden Portraitkleidern sein:

Ditchley“ Portrait
Marcus Gheeraerts the Younger, c. 1592
Elizabeth I.
unknown Artist from the English School, 1592
Eleonora di Toledo & Sohn
Agnolo Bronzino,1550
Die grobe äußere Form, die hängenden / geplusterten Ärmel scheinen von diesem Portrait zu kommen… …Das Farbschema scheint vom Forepart dieses Kleides zu stammen (auch, wenn dieser Forepart nicht gewebt, sondern bemalt wurde)… …und das Muster des Stoffes ist diesem hier nicht unähnlich, auch wenn es sich hier um Schnittsamt handelt und das da oben bunt gewebter Damast oder Brokat ist. Außderdem stimmen die Farben nicht.

Viola’s gelbes „Audienz“ Kleid:

Was haben wir denn hier… enge Unterärmel, gebogene und geschnittene Überärmel, Oberteil mit großen Skirtings und der stehende Kragen kombiniert mit einer A-förmigen Farthingale.
Die Unterärmel datieren auf c. 1550-60.
Die offenen Überärmel, die spanisch sind, genau wie die Skirtings, die nicht bis zur vorderen Mitte des Oberteiles reichen, datieren auf c. 1580.
Der stehende Kragen wurde von c. 1590 AN getragen, während die A-förmige Farthingale BIS 1590 getragen wurde.
Kurz gesagt – dieses spezielle Kleid ist epochenmäßig so ziemlich das Zusammengewürfeltste, was dieser Film zu bieten hat.

Andere Kostüme – z. B. Shakespeare, Viola’s „Julia“, etc.:

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